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Full text of "Handwörterbuch der Psychoanalyse 1.Lieferung Abasie - Angst"

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HANDWÖRTERBUCH 

DER 

PSYCHOANALYSE 



von 



Dr. Richard Sterba 



1. Lieferung 
Abasie — Angst 



19 3 6 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



HANDWÖRTERBUCH 

DER 

PSYCHOANALYSE 



HÄNDWÖRTERBUCH 

DER 

PSYCHOANALYSE 



von 



Dr. Richard Sterba 



19 3 6 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

WIEN 



ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER 
FREMDSPRACHIGEN ÜBERSETZUNG VOR- 
BEHALTEN 
COPYRIGHT 1936 BY INTERNATIONALER 
PSYCHOANALYTISCHER VERLAG IN WIEN 
PRINTED IN AUSTRIA 



DRUCK VON J. WEISS, WIEN 



PROF. D R FRE 



Zft/fJZ 



BÄSSE 19 



Ü4 




Die Uebersetzung der Schlagworte ins Englische besorgte 

Dr. Edith B. Jackson, Wien 

mit Unterstützung des englischen Glossary Committee 

unter Leitung von Dr. Ernest Jones, London. 



Die Übersetzung der Schlagworte ins Französische besorgte 

La Commission linguistique pour l'unification du vocabulaire 
psychanalytique francais, Paris, 

unter Leitung von Dr. Eduard Pichon (Präsident) 

und 
Prinzessin Marie Bonaparte (Vize-Präsidentin). 



Legende 



Im wesentlichen stammen die hier wiedergegebenen Begriffsinhalte von 
Sigm. Freud. Von einer Quellenangabe aus den Freu dschen Schriften 
wurde mit Rücksicht auf das im Erscheinen begriffene Register der „Ge- 
sammelten Schriften" Abstand genommen. 

Wenn nach einem Artikel nur der Name eines Autors ohne Quellenangabe 
aufscheint, so bedeutet dies, daß dieser Artikel von dem betreffenden Autor 
für das Handwörterbuch verfaßt wurde. 

Die römischen Zahlen bedeuten Band-, resp. Jahrgangsnummern, die arabi- 
schen Zahlen die Seitenzahlen. 



Verzeichnis der Abkürzungen 

Ges. Sehr. Freud, Gesammelte Schriften 

B. Die psychoanalytische Bewegung 

I. Imago, Zeitschrift für psychoanalytische Psychologie, ihre Grenz- 
gebiete und Anwendungen 

J. The International Journal of Psycho-Analysis 

Jb. Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen 

P. Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik 

Qu. The Psychoanalytic Quarterly 

R. Revue frangaise de Psychanalyse 

Rv. Psychoanalytic Review 

Z. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 

Zb. Zentralblatt für Psychoanalyse 









A 



Abasie (abasia; abasie) 

heißt die Unfähigkeit zu gehen. Als hysterisches Symptom tritt die Abasie 
auf, wenn die Funktion des Gehens einen verbotenen, sexualsymbolischen 
Sinn bekommt und aus diesem Grunde gehemmt wird. Der spezifische 
sexualsymbolische Sinn des Gehens, der einer solchen Gehhemmung zu- 
grundeliegt, kann in jedem Einzelfalle nur durch eine Psychoanalyse erkannt 
werden. 

Aberglaube (superstition; superstition) 

Im Aberglauben manifestieren sich ein primitiver Seelenzustand sowohl als 
auch eine primitive Weltanschauung, die in höherem Maße als der erwachsene 
Intellekt des Kulturmenschen die Welt als Projektion der eigenen Seelen- 
inhalte und -tätigkeiten empfindet und betrachtet. Dementsprechend findet 
sich der Aberglaube besonders bei Primitiven und solchen Kulturmenschen, 
die mit einem Anteil ihres Seelenlebens auf primitiver Denk- und Fühlart 
stehen geblieben sind, mag auch ihr übriges Geistesleben Zustände höchster 
Entwicklung erreicht haben. Es sind besonders die Zwangskranken, die unter 
den Intellektuellen den größten Anteil an Abergläubischen liefern. Bis- 
weilen bedienen sie sich eigener Techniken und Tricks, ihre Ähnungen, Vor- 
zeichen, Träume wahr zu machen, wobei Gedächtnistäuschungen, Vergessen, 
indirektes Sehen und Lesen oft treffliche Hilfsmittel sind. Meist sind es 
verdrängte, aggressive Triebstrebungen, die, in abergläubische Unheilsbe- 
fürchtungen umgestaltet, von außen ins Bewußtsein wiederkehren, aus dem 
sie verstoßen worden sind. Auch der primitive Glaube an magische Kräfte, 
der dem Narzißmus des Kindes entstammt, bedingt, daß Zufälligkeiten aber- 
gläubisch umgedeutet werden, indem der Abergläubische sie sich als Hand- 
lungen höherer Mächte interpretiert. 

Abfuhr (discharge; decharge, deversement) 

ist ein Begriff aus dem energetischen Betrachtungskreis der Psychoanalyse. 



Abhängigkeiten des Ichs 



Er bezeichnet die Entlassung jener psychischen Energie aus dem seelischen 
Apparat, die ihm durch innere (Trieb-) oder äußere Reize zugeführt worden 
war. Durch die Abfuhr des zugeführten Energiebetrages sinkt das Energie- 
niveau des seelischen Apparates wieder auf die Höhe vor dem Eintreffen 
des Reizes. Die Äbfuhrmöglichkeiten sind zweierlei: die Motorik vom primi- 
tiven Zappeln und Schreien des Säuglings bis zur zweckmäßigen Handlung, 
die auf eine Veränderung der Außenwelt abzielt, und die Affektivität 
(s. Affekt). Die Analyse betrachtet Affektreaktionen, wie Wut, Scham, 
Trauer usw. als Vorgänge, die durch ihre sekretorischen und motorischen 
Innervationen energieabführend wirken. Wenn ich meiner Wut „freien Lauf 
lasse", dann kann ich, dadurch erleichtert, in den Normalzustand des seeli- 
schen Gleichgewichtes zurückkehren. 

Ist eine motorische oder affektive Erledigung eingebrachter Reize nicht 
möglich, weil die adäquate Reaktion von den Normen der Persönlichkeit her 
oder von der Außenwelt gehemmt wird, dann kann die Reaktion bei ent- 
sprechender Entwicklung und Stärke des Ichs aufgeschoben und ihre Energie 
eventuell mit geändertem Ziel verwendet werden. Ist aber die Spannung 
unerträglich und eine direkte Abfuhr doch nicht möglich, dann erwehrt sich 
das Individuum der unlusfvollen Ansprüche nach Abfuhr durch Verdrängung 
(s. d.) oder andere Äbwehrmechanismen. In den früheren Schriften Freuds 
wird dieser Vorgang „Einklemmung" eines Affekts genannt. Das mangelhaft 
verdrängte Äbfuhrverlangen kommt dann in entstellter Form im neurotischen 
Symptom wieder, wobei das Symptom gleichzeitig durch seine unbewußte Be- 
friedigung eine allerdings nicht adäquate Abfuhr bedeuten kann. Die kathar- 
tische Methode (s. d.) versuchte eine Abfuhr des pathogen gewordenen Äffekt- 
betrages durch Abreagieren (s. d.). Auch die analytische Therapie strebt das 
Abreagieren gestauter Äffektquantitäten an (s. Therapie). 

Abhängigkeiten des Ichs (dependence of the ego; sujetions du moi) 
Das Ich als seelische Instanz zeigt dreierlei Abhängigkeiten. 1.) Von der 
Außenwelt, entsprechend der Wahrnehmung der Außenwelt als einer der 
Funktionen des Ichs; 2.) vom Es, resp. von den Libidoansprüchen desselben, 
bedingt durch die Tatsache, daß der Zugang zur Motilität, also zur Trieb- 
abfuhr, nur über das Ich möglich ist und 3.) vom Über-Ich, das das Ich 
für seine Handlungen, aber auch sogar für Wünsche des Es, die dem Ich 
unbewußt bleiben, verantwortlich macht. Diese drei Abhängigkeiten gestalten 
die Lage und Aufgabe des Ichs oft sehr schwierig, besonders da die An- 
forderungen, die von den „drei gestrengen Herren" (Freud: Neue Folge 
der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Ges. Sehr., Bd. XII, 
S. 332) an das Ich gestellt werden, einander oft widersprechen. Das Ich 
versucht harmonisch zwischen ihnen zu vermitteln. Wenn es an seinen Auf- 
gaben versagt, kommt es zur Angstentwicklung; zur Realangst, wenn es der 
Abhängigkeit von der Außenwelt zu wenig Rechnung trägt, zur Gewissens- 
angst, wenn es den Anspruch des Ober-Ichs nicht befriedigt, zur neuroti- 
schen Angst vor den allzustarken Trieb an Sprüchen des Es (s. Ich). 




Abirrungen — abreagieren 






Abirrungen, Sexuelle (sexual aberrations; aberrations sexuelles) 
s. Perversionen. 

Abkömmlinge des Unbewußten (derivatives of the unconscious; 
derives de Finconscient) 

ist nach Freud die gemeinsame Bezeichnung für eine Reihe von manifesten 
(wahrnehmbaren) seelischen Erscheinungen, die die Psychoanalyse als Fort- 
setzungen von Vorgängen im Unbewußten erkannt hat. Abkömmlinge des 
Unbewußten sind z. B. Phantasien, Ersatzbildungen, Symptome. Sie vermit- 
teln den Verkehr vom Unbewußten zum Bewußten. Die Abkömmlinge des 
Unbewußten spielen in der analytischen Therapie eine große Rolle, da die 
Technik des freien Einfalls (s. d.) zur Produktion solcher Abkömmlinge des 
Unbewußten führt. 

Ablehnung (rejection, repudiation; rejef, repudiation) 

wird häufig als Synonym für Abwehr (s. d.) gebraucht (z. B. Ablehnung 

der Außenwelt, Ablehnung von Triebtendenzen etc.). 

abnorm (abnormal; anormal) 

ist der Gegensatz von normal. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß die 
Grenze zwischen abnorm und normal im Psychischen noch weit fließender ist, 
als man bisher angenommen hat. Es finden sich in jedem Menschen Ansätze zu 
abnormem Verhalten, etwa in Form von Abweichungen zur Perversion hin, 
zu hysterischen Symptomen oder Zwangserscheinungen. Vor allem aber wer- 
den bei allen Menschen die normalen Seelen Vorgänge durch die Bildungen des 
Traumes und der Fehlleistungen durchbrochen, die bereits als abnorme Bildun- 
gen gegenüber dem normalen Denken und Handeln betrachtet werden müssen» 
weil sie den Einbruch unbewußter Seeleninhalte ins Bewußte bedeuten und 
weil sie in ihrem Mechanismus die wesentlichen Züge der Arbeitsweise der 
Hysterie und Zwangsneurose wiederholen, ohne allerdings im allgemeinen be- 
deutendere Störungen im psychischen Haushalt zu verursachen. 

Es zeigt sich, daß die meisten abnormen Erscheinungen des Seelenlebens 
keineswegs völlig neue und andersartige Phänomene im Vergleich zu den nor- 
malen sind, sondern daß sie sich in geringem Maße oder zu einem anderen 
Zeitpunkt (Kindheit) auch beim Normalen finden. Häufig ist daher die Unter- 
scheidung zwischen abnorm und normal eine quantitative und von praktischen 
Gesichtspunkten aus vorgenommen. 

abreagieren (abreaction, to abreact; abreaction, abreagir) 
nennen wir die Art der Erledigung, welche dem normalen psychischen Appa- 
rat zu Gebote steht, wenn ein psychisches Trauma (s. d.), d. h. ein ungewöhnlich 
starker Reiz ihn getroffen hat. Das Abreagieren geschieht entweder durch 
motorische Aktionen, also Handlungen, oder durch affektive Reaktionen (s. 
Affekt). Die durch den Reiz eingebrachte Energie wird durch das Abreagieren 
zur Abfuhr gebracht; der psychische Apparat gerät durch das Abreagieren 



10 



Äbsenz — Abstinenz 



wieder ins Gleichgewicht. Ist das Abreagieren des traumatischen Reizes aus 
irgendeinem Grund unterblieben, der zu erwartende Affekt also „eingeklemmt", 
so kommt es nach Breuers und Freuds erster Theorie der hysterischen 
Erscheinungen zu einer abnormen Verwendung der psychischen Energie des 
Affekts, indem diese zur Bildung hysterischer Symptome verwendet wird. Die 
hypnotische und die reine kathartische Heilmethode versuchen durch nach- 
trägliches Abreagieren, d. h. durch Wiedererlebenlassen des häufig inzwischen 
vergessenen, traumatischen Ereignissen unter voller Affektreaktion, dem hyste- 
rischen Symptom die Energie zu entziehen und so die normale Abfuhr des 
abnorm verwendeten Affektbetrages möglich zu machen. Auch in der thera- 
peutischen Psychoanalyse kommt es zum Abreagieren verdrängter Äffekt- 
quantitäten (s. Therapie). 

Äbsenz (temporary loss of consciousness ; perte temporaire de la conscience) 
ist eine kurz dauernde, meist partielle Ausschaltung des Bewußtseins. Eine 
Äbsenz tritt auf auf der Höhe der sexuellen Befriedigung; ferner besteht 
eine Äbsenz im hysterischen Anfall, sie wird von Freud als Erweiterung 
der Äbsenz aufgefaßt, die auf der Höhe der sexuellen Befriedigung eintritt. 
Auch während des Tagträumens kommen Absenzen vor. Die epileptische 
Äbsenz ist ein abortiver, epileptischer Anfall mit Bewußtseinsverlust für 
wenige Sekunden (petit mal, absence). 

Abspaltung (Splitting off, dissociation ; eviction) 

Der Ausdruck Abspaltung kommt hauptsächlich in Freuds „Studien über 
Hysterie" zur Anwendung. Dort wird die Abspaltung einer psychischen Gruppe, 
das heißt einer Reihe assoziativ verbundener Vorstellungen, als ein Vorgang 
beschrieben, der sich ergibt, wenn eine aktive Anstrengung unternommen 
wird, an den unlustvollen Inhalf der betreffenden Gruppe nicht zu denken, 
ihn fortzuschieben, ihn zu vergessen. Der Affektanteil der durch Abspaltung 
isolierten Gruppe kann in Konversionssymptomen und Zwangserscheinungen 
eine abnorme Abfuhr finden. Mit dem Fortschreiten der analytischen Theorien- 
bildung ging der Begriff „Abspaltung" im Begriff „Verdrängung" (s. d.) auf. 

Abstinenz (abstinence; continenoe, abstinence sexuelle) 
Wenn in der psychoanalytischen Literatur von Abstinenz die Rede ist, dann 
wird darunter im allgemeinen die sexuelle Abstinenz, also die Entbehrung 
der Erreichung des jeweiligen Sexualzieles verstanden. Meist wird, wenn 
schlechtweg von Abstinenz des Erwachsenen gesprochen wird, die Entbehrung 
der genitalen Befriedigung, also des sexuellen Verkehrs und die Enthaltsam- 
keit von der Masturbation damit gemeint. Diese Entbehrungen können 
freiwillige oder unfreiwillige sein. Unfreiwillig sind sie z. B. in Gefangenschaft, 
auf Schiffen usf. Aber auch für die freiwillig gewählte Abstinenz ergibt es 
sich häufig, daß unbewußtes Schuldgefühl und Angst vor den Gefahren der 
Sexualität die wahren Motive der somit nur scheinbar freiwillig gewählten 
Abstinenz sind. Wenn das Individuum der Abstinenz nicht gewachsen ist, so 



J 



Äbsttaktionsaufwand — Abwehr 



treten aktualneurotische Symptome, wie Angst, allgemeine Nervosität als 
Ausdruck der direkten foxischen Einwirkung der angehäuften Sexualstoffe 
auf (s. Aktualneurose). Die weitere Folge können regressive und psycho- 
neurotische Erscheinungen sein. 

Äbstraktionsaufwand (expenditure of energy in abstract fhought; depense 
energetique en absfraction) 

In abstrakten Gedankengängen arbeitet der psychische Apparat mit mehr 
Aufwand, mit höherer Innervation sozusagen, als bei der Beschäftigung mit 
konkreten Dingen. Dieses Mehr an Energie nennt Freud Äbstraktionsauf- 
wand. Wird das Abstrakte mit Konkretem, Sachlichem in Zusammenhang ge- 
bracht und verglichen, so resultiert daraus eine komische Wirkung dann, 
wenn das Konkrete durch seine Banalität die Differenz zwischen Abstrakt- 
Erhabenem und dem Konkreten sehr groß wenden läßt. Der Abstraktions- 
aufwand wird dann plötzlich überflüssig und als komische Lust durch 
Lachen abgeführt. 

absurd (absurd; absurde) 

Als absurd bezeichnet man Kundgebungen, die einer allgemein als ausge- 
macht geltenden Wahrheit offensichtlich und grob widersprechen. Nicht selten 
findet man, daß Träume und Zwangsgedanken einen absurden Inhalf haben. 
Das Absurde des Inhalts vertritt dann einen latenten Gedanken mit der spöt- 
tisch ablehnenden Aussage: „Das ist ein Unsinn". Spott und Hohn also 
werden durch das Absurde im Traume und im zwangsneurotischen Symptom 
vertreten. 

Äbulie (aboulia; aboulie) 

ist der Mangel an Willensanfrieben aus Schwäche der Affekte (häufig bei 
Melancholie, auch bei schwereren Zwangsneurosen infolge der Ambivalenz 
(s. d.) der Triebsfrebungen). 

Abwehr (defence; defense) 

ist die allgemeine Bezeichnung für alle Mechanismen und Funktionen, die 
dem seelischen Apparat zur Verfügung stehen, um unlustvolle Inhalte vom 
Bewußtsein und unliebsame Triebansprüche vom Ich fernzuhalten. Solche 
Abwehrarten sind die Verdrängung (s. d.), die Regression (s. d.), die Reak- 
tionsbäldung (s. d.), das Isolieren (s. d.), das Ungeschehenmachen (s. d.). Auch 
die Verneinung (s. d.), die Projektion (s. d.), die Identifizierung (s. d.), 
die Sublimierung (s. d.), dienen der Abhaltung peinlicher Inhalte vom Be- 
wußtsein und sind in dieser Hinsicht den Abwehrvorgängen zuzuordnen. Die 
Ursachen für die Abwehr liegen darin, daß die Inhalte des Abgewehrten 
dem Bewußtsein unlustvoll sind, sei es, daß sie dem normativen Anteil der 
Persönlichkeit (Über-Ich) widersprechen, sei es, daß sie Repräsentanten 
von Wünschen sind, deren Erfüllung die Realität nicht gewähren kann, oder 
deren Erfüllung erfahrungsgemäß dem Ich gefährlich wird, weil sie die 
Gefahr einer Strafe (Kastration) nach sich zieht. 




12 



Äbwehrneuropsychosen — ästhetische Gefühle 



ÄbwehrneUfOpSych'OSen (defence neuropsychoses; psychonevroses de 
defense) 

Als Äbwehrneuropsychosen bezeichnet Freud in seinen früheren Werken 
hysterische Zustände, Phobien und Zwangsvorstellungen, sowie gewisse mit 
Halluzinationen einhergehende hysterische Psychosen, wenn diese Erkran- 
kungen deutlich als Abwehr peinlicher und unlustvoller Vorstellungen auf- 
treten. Der Begriff wird in der neueren psychoanalytischen Literatur kaum 
mehr verwendet. 

Abwendung (turning away, withdrawal; retrait d'investissement) 
heißt Entzug der Besetzung (s. d.) an psychischer Energie; so bedeutet z. B. 
„Abwendung von der Außenwelt" die Einziehung der Besetzung, die den 
äußeren Objekten erteilt worden war. 

adäquat (adequate, appropriate; adequat) 

heißt vollkommen angemessen. Eine Reaktion wird dann als adäquat be- 
zeichnet, wenn sie in ihrer Art und in ihrem Ausmaß dem Reiz entspricht. 
Adäquate Reaktionen verbürgen im allgemeinen den Gleichgewichtszustand 
des psychischen Apparates. Bei quantitativ geringerer Reaktion, als sie dem 
eintreffenden Reiz adäquat wäre, bleibt psychische Energie im Apparat 
zurück und äußert sich als Spannung. Der Art nach inadäquate Reaktionen, 
wie ein hysterischer Anfall oder eine Depression dort, wo ein Zornesaus- 
bruch die adäquate Reaktion wäre, sind häufig auch der Quantität nach 
ungenügend und lassen dann ebenfalls Energiestauungen im psychischen 
Apparat zurück. 

Adler, Alfred 

s. Individualpsychologie. 

Äquivalent (equivalent; equivalent) 

Als Äquivalent bezeichnet man etwas, das ein Anderes gleichwertig ver- 
tritt. Aus der Verschieblichkeit der psychischen Energie im Primärvorgang 
ist es verständlich, daß psychische Äquivalente im Unbewußten besonders 
häufig auftreten. So z. B. Haarschneiden für Kastration, Berühren für Töten 
oder für Vergewaltigen u. v. a. Die Reaktion auf das Äquivalent ist im Unbe- 
wußten dieselbe wie auf die originale Handlung oder das originale Erlebnis. 
Die allgemeine Psychiatrie kennzeichnet als Äquivalente solche unter sich 
oft recht verschiedene Anfälle und Phasen, für die angenommen werden 
muß, daß es sich um durch jeweils verschiedene, akzidentelle Umstände modi- 
fizierte Erscheinungsformen derselben Grundkrankheit handelt. So gelten als 
Äquivalente für den epileptischen Anfall die epileptische Ohnmacht, die 
Äbsenz, die epileptische Migräne. 

ästhetische Gefühle (aesthetic feelings; sentiments esthetiques) 

Wenn der psychische Apparat nicht gerade zur Erfüllung einer innerpsychisch 



Ätiologie— Affekt 13 



unentbehrlichen Befriedigung gebraucht wird, so vermag er Lust aus seiner 
bloßen Tätigkeit selbst zu ziehen. Solcherart ist die ästhetische Lust. Durch 
sie wird übrigens häufig ein sonst unzugängliches, weil verbotenes Stück 
Lust entbunden, das unbemerkt mit abgeführt werden kann, weil wir die 
verbotenen Quellen um des ästhetischen Genusses willen übersehen. S ch i 1- 
d e r meint, daß der ästhetische Genuß auch darin bestehe, daß das freie 
Spiel der Triebe ohne die hinzugehörige Verantwortlichkeit genossen werde. 
(S ch i 1 d e r, Medizinische Psychologie). 

Ätiologie (aetiology: etiologie) 

heißt Krankheitsursache. In der Neurosenätiologie unterscheiden wir zwei 

große Gruppen von Krankheitsursachen: 

1) die konstitutionellen, angeborenen und vererbten, die einer Behandlung 
nicht zugänglich sind. Als solche gelten: hohe Erregungsfähigkeit einzelner 
erogener Zonen, starke Verdrängungsneigung, spontane sexuelle Frühreife. 
Oftmals genügen diese inneren Ursachen allein nicht, um eine Erkrankung 
hervorzurufen. Es bedarf dann noch der 

2) akzidentellen Ursachen. Diese sind solche, die während der Entwicklung 
des Individuums eingewirkt haben. Unter ihnen sind von besonderer Wich- 
tigkeit die Einwirkungen auf die frühe Kindheit bis zum sechsten Lebens- 
jahr in Form von Verführungen zu sexuellen Handlungen durch andere Kinder 
oder Erwachsene, oder starke Schreck- oder Angsterlebnisse durch Beob- 
achtungen Erwachsener oder Drohungen von Seiten derselben. Die Einwir- 
kung der akzidentellen Erlebnisse ist durch die Psychoanalyse behebbar, 
dadurch sind aber auch die Auswirkungen der konstitutionellen Momente 
beeinflußbar. Ueber das gegenseitige Verhältnis der beiden Ursachenreihen 
im Hinblick auf den Effekt Krankheit s. Ergänzungsreihe. 

Affekt (affect; affect) 

Durch die Erkenntnis, daß die Neurose durch den Konflikt affektiver Kräfte 
entsteht, wurde Freuds Forschung frühzeitig auf die Affekte hingelenkt. 
In der Tat spielen die Affekte, die zu deutsch als Gemütsbewegungen 
bezeichnet werden, im Seelenleben eine überragende Rolle. Die Affekte stellen 
vor allem Äbfuhrvorgänge dar, d. h. sie bedeuten eine Entlassung von 
seelischer Energie, die durch innere oder äußere Reize in den psychischen 
Apparat eingebracht worden ist. Von den Gefühlen unterscheiden sich die 
Affekte durch ihre höhere Intensität und dadurch, daß sie die ganze Per- 
sönlichkeit ergreifen, so daß neben einem Affekt wenig andere Inhalte im 
Bewußtsein Platz haben. Entsprechend der Äbfuhrbedeutung der Affekte 
finden wir bei ihnen Innervationen der Muskulatur und zahlreicher Drüsen, 
die mit Lust- und Unlust gefühlen einhergehen. Nach Freud bildet den 
Kern jedes Affekts die Wiederholung eines bestimmten bedeutungsvollen, 
traumatischen Erlebnisses, wobei dieses Erlebnis sehr frühzeitig, im allge- 
meinen in der Vorgeschichte nicht des Individuums, sondern der Art, ge- 
legen ist. Äffektzustände sind also dem Seelenleben als Niederschläge 



14 



Äffektbettag — Affektion 



uralter traumatischer Erlebnisse einverleibt. Für den Äffektzustand der Angst 
wird das Erlebnis der Geburt als Äffektvorbild betrachtet. Diese Ansicht 
der Psychoanalyse über den Ursprung der Affekte steht der Darwi nschen 
Auffassung sehr nahe, die die Affekte als Rudimente von Triebhandlungen 
Ansieht. Jedenfalls stehen die Affekte mit den Trieben in inniger Korrela- 
tion. Vor allem beziehen sie ihre Energie (Äffektbetrag) von den Trieben 
und bedeuten eine Äbfuhrmöglichkeit für Triebspannungen. 

Bei der Verdrängung (s. d.) eines Affekts wird die Repräsentanz des 
Affekts, d. h. die Wahrnehmung, oder die Vorstellung, oder der Wunsch, 
die ihn ausgelöst haben, unbewußt. Der Äffektbetrag verbleibt im Es und 
wird durch die Gegenbesetzung (s. d.) vom Ansturm gegen das Ich abgehalten. 
Von der ursprünglichen Repräsentanz abgelöste Äffektbeträge können im 
Es verschoben, verdichtet, umgewandelt werden. Auch in Symptomen kann 
der Äffektbetrag zu abnormer Verwendung kommen. 

Äffektbetrag (amount or charge of affect; charge affective) 
An den psychischen Funktionen ist etwas zu unterscheiden, das alle Eigen- 
schaften einer Quantität besitzt, etwas, was der Vergrößerung, der Ver- 
minderung, der Verschiebung fähig ist und sich über die Gedächtnisspuren 
der Vorstellungen verbreitet, etwa wie eine elektrische Ladung über die 
Oberflächen der Körper. Freud nennt diese Quantität, die wir allerdings 
nicht imstande sind zu messen, „Erregungsgröße" oder „Äffektbetrag". Der 
Begriffsinhalt fällt mit dem der „psychischen Energie" (s. d.) zusammen. 

Äffektentbilldlinsi (liberation of affect; liberation de l'affect) 
Die Entbindung, d. h. die Veranlassung der Entstehung des Affekts (s. d.) 
geschieht immer von den Triebenergien des Es aus. Der Affekt selbst wird 
aber vom System Bw entwickelt und kann nur dort verspürt werden. Es 
kann sein, daß durch Verdrängungen der Weg vom Ubw zur motorisch- 
sekretorischen Leistung blockiert ist; dann ist die Äffektentbindung unmög- 
lich gemacht. In einem solchen Falle findet die psychische Energie des Es, 
die im Affekt hätte abgeführt werden sollen, eine abnorme Verwendung, 
z. B. als Angst oder in Symptomen oder sie bleibt gestaut und muß durch 
eine Gegenbesetzung (s. d.) vom Ich ferngehalten werden. 

Äffektentwicklung (development of affect; developpement de l'affect) 
Der Affekt als motorischer und sekretorischer Äbfuhrvorgang in Begleitung 
von Lust und Unlust wird im System Bw, also im Ich gebildet. Ist die verur- 
sachende Vorstellung verdrängt, dann kann die psychische Erregung, die 
ihr zugehört, nicht ohneweiteres zur Affektentwicklung verwendet werden, 
sondern findet abnorme Verwendung, meist als Angst oder in Symptomen, 
oder wird auf andere Vorstellungen verschoben. 

ÄffektlOn (affection; affection) 

ist ein allgemein gehaltener Ausdruck für Erkrankung. 



affektiv — Aggression 15 



affektiv (affective ; affectif) 

Mit affektiv bezeichnete Vorgänge oder Inhalte sind solche, welche vermöge 
ihrer Bedeutung für das Seelenleben der erlebenden Person mit lebhaften 
Gemütsbewegungen verknüpft sind. 

.Effektivität (affectivity; affectivite) 

Als Äffekävität bezeichnet man die Gesamtheit der Äffektreaktionen (s. 
Affekt). Äffektivität und Motilität bilden die Äbfuhrwege des psychischen 
Apparates. Beide unterstehen dem Ich, d. h. die Zugänge zu diesen Abfuhr- 
wegen werden normalerweise vom Ich beherrscht. Für die Äffektivität aber 
ist diese Beherrschung viel mangelhafter als für die Motilität. Es erfolgen 
leicht Einbrüche von Seiten des Es, durch die das Ich die Herrschaft über 
die Äffektivität zeitweise und teilweise verliert. Regelmäßig und normaler- 
weise ist dies in den Träumen der Fall. In den Symptomen der Neurotiker 
hat das Es pathologischerweise partiell die Herrschaft über die Äffektivi- 
tät erlangt. 

Äffektsperre (blocking of afiect; bloquage affectif, des affects, de 
l'affecfivite) 

Äffektsperre bezeichnet die mangelnde Fähigkeit mancher neurotischer Cha- 
raktere, Lust- oder Unlusterlebnisse ihrem Ausmaße entsprechend durchzu- 
fühlen. Die Äffektsperre bedeutet nach R e i ch einen Schutzmechanismus 
gegen starke unbewußte Antriebe, die das Ich sich verbietet und wird ge- 
wöhnlich nach schwereren, einschüchternden Erlebnissen der Kindheit auf- 
gerichtet. Zum Unterschied von der Gefühllosigkeit im Depersonalisations- 
zustand wird die Affektsperre vom Äffektgesperrten nicht von vornherein 
als pathologischer Zustand empfunden, sondern als notwendige Eigenart 
der Persönlichkeit aufgefaßt. Der analytischen Behandlung bereitet die 
Äffektsperre wohl große Schwierigkeiten, sie kann durch Aufdeckung der 
infantilen Ursachen aber weitgehend vermindert werden. (Wilhelm R e i ch» 
Ueber kindliche Phobie und Charakterbildung, Z. XVI, 353.) 

Äffektverkehrang (reversal of affect; retournement de l'affect) 
ist die Umkehrung eines Affekts, z. B. die Umkehrung von Liebe in Haß» 
von Genuß in Ekel u. dgl. m. Die Äffektverkehrung ist regelmäßig die Folge 
der Abwehr des Ichs gegen die ursprüngliche, meist sehr starke Trieb- oder 
Gefühlsregung (s. Reaktionsbildung). 

Äfterzone (anal region; zone anale) 
s. Änalzone. 

Aggression (aggression, aggressiveness ; agression) 

ist der wissenschaftliche Ausdruck für alle jene Handlungen, die in feind- 
seliger und gewalttätiger Absicht einem Objekt gegenüber ausgeführt werden. 



16 



Äggressionsttieb 



Äf|$|reSSionstfieb (aggressive impulse or instin et; pulsion agressive ou 
instinet d'agression) 

Die Aggressionsneigung im Menschen, die in so zahlreichen Aggressionen 
des Einzelnen und der Masse gegen die Objekte manifest wird, noch viel 
intensiver aber im Unbewußten wirkt, so daß zahlreiche Reaktionsbildungen 
des Ichs gegen sie wirksam erhalten werden müssen, suchte die Psycho- 
analyse zunächst auf die uranfängliche Ablehnung der reizzuführenden 
Außenwelt von Seiten des narzißtischen, nach Reizlosigkeit verlangenden 
Ichs zurückzuführen. Die Intensität und Unersättlichkeit der aggressiven 
Strebungen war aber damit nicht geklärt. Erst die Theorie vom Todestrieb 
(s. d.) gibt genügend Erklärungsmöglichkeit für die Macht und Ausbreitung 
der aggressiven Regungen. Wenn die selbsfzerstörende Tendenz, die als 
Todestrieb jedem Individuum innewohnt, in Aggression gegen die Objekte 
umgewandelt und so vom eigenen Ich abgehalten wird, dann sind die Äggres- 
sionsimpulse als triebmäßiges Geschehen biologisch begründet und ihre zusam- 
menfassende Bezeichnung als Äggressions trieb gerechtfertigt. Reiner Ag- 
gressionstrieb wird nicht beobachtet. Der Aggressionstrieb findet sich viel- 
mehr regelmäßig in Verbindung mit libidinösen Triebkomponenten und wird 
in dieser Verbindung als Sadismus gegen Objekte, als Masochismus gegen 
das eigene Ich betätigt. Die Beimengung aggressiver Komponenten zu den 
libidinösen Äußerungen ist auf der kannibalischen (s. d.) Organisationsstufe 
der Libido am intensivsten; geringer, aber noch deutlich auf der anal-sadisti- 
schen (s. d.) Stufe; sie äußert sich auch noch auf der genitalen (s. d.) Stufe, 
auf der sie die Eroberung des Objektes gewährleistet. Zahlreiche Dämme 
müssen im Laufe der Entwicklung zum Kulturmenschen gegen den Aggres- 
sionstrieb aufgerichtet werden, so das soziale Empfinden, das Mitleid, die 
religiösen Institutionen. Trotzdem kommt es gelegentlich zu großartigen 
Ausbrüchen des Aggressionstriebs, besonders wenn gemeinsames Vorgehen 
in großer Masse das Schuldgefühl vermindert, wie etwa im Kriege; 

Zahlreiche neurotische Symptome stellen Schutzmaßregeln gegen die aggres- 
siven Regungen dar, so etwa ist die Eßstörung des Melancholikers ein 
Schutz gegen kannibalische Regungen, die Vermeidungen der Zwangsneuroti- 
ker, die Berührungsfurcht dienen der Abwehr aggressiver Regungen, ja in 
jedem neurotischen Symptom muß die Analyse neben den libidinösen auch 
die aggressive Komponente aufdecken. Auch in der Verwahrlosung (s. d.) 
spielen die aggressiven Regungen eine große Rolle. An der Genese des 
Schuldgefühls (s. d.) ist der Aggressionstrieb wesentlich beteiligt. Wird der 
Aggressionstrieb nämlich von der Abfuhr an Objekten der Außenwelt ab- 
gehalten, dann kann er sich im Über-Ich (s. d.) sammeln, das dadurch 
streng und unerbittlich wird und in sadistischer Weise das Ich zu quälen 
beginnt. Es nimmt dann das Schuldgefühl zu, wenn die Aggression nach 
außen gehemmt wird. Aber auch eine Umkehr in Masochismus (s. d.) ist 
möglich, wenn die Aggression nach außen eine Hemmung erfährt. 

Die Bewältigung des Äggressionstriebes gehört zu den schwierigsten Aufgaben 



agieren — Agoraphobie 17 



der kulturellen Menschheit und man muß erkennen, daß bisher diese Auf- 
gabe vom Einzelnen wie von der Gesamtheit nur mangelhaft gelöst wurde. 

agieren (to act out, to express in acfion; mise en acte ou fait d'agir) 
Während der analytischen Kur kommt es regelmäßig vor, daß der Patient 
die Reproduktion vor allem seiner infantilen Erlebnisse nicht durch Erinnern, 
sondern durch Wiederholen vollzieht. Es bleibt dann das ursprüngliche 
Erlebnis unbewußt. Dieses Wiederholen durch Tat und Verhalten wird als 
Agieren bezeichnet. Beispiele (nach Freud): Der Analysierte erzählt nicht, 
„er erinnere sich, daß er trotzig und ungläubig gegen die Autorität der 
Eltern gewesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise gegen den 
Arzt. Er erinnert sich nicht, daß er in seiner infantilen Sexualforschung rat- 
und hilflos stedten geblieben ist, sondern er bringt einen Haufen ver- 
worrener Träume und Einfälle vor, jammert, daß ihm nichts gelinge und 
stellt es als sein Schicksal hin, niemals eine Unternehmung zu Ende zu 
führen." (Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten, Ges. Sehr. Bd. VI.) 

Das Agieren ist gewöhnlich bedingt durch den Wiederholungszwang 
(s. d.), das agierende Wiederholen ist oft die einzige Form, in der gewisse 
Erlebnisse frühester Kindheit noch reproduktionsfähig sind. Die Uebertra- 
gung auf den Analytiker begünstigt das Agieren in der Analyse. Das Agieren 
wird außerdem regelmäßig zum Widerstand gegen die Aufgabe benützt, die 
infantilen Erlebnisse im Verlaufe der Kur als Erinnerungen bewußt 
werden zu lassen. 

Agoraphobie (agoraphobia; agoraphobie) 

ist eine Neurose, die sich dadurch kennzeichnet, daß der daran Leidende 
auf freien Plätzen, in engen oder in weiten Straßen, je nach den individu- 
ellen Bedingungen des einzelnen Falles, von Angst befallen wird. Der 
Agoraphobiker schützt sich vor dieser Angst in schweren Fällen dadurch, 
daß er sich begleiten läßt, wodurch die Angst gebannt wird, oder indem er 
die Straße oder den freien Platz überhaupt meidet. Schwerste Fälle sind 
unfähig, das Haus zu verlassen. Die Begleitperson kann gleichgültig oder 
streng ausgewählt sein, meist ist es in letzterem Falle eine für den Be- 
treffenden wichtige Person der nächsten Umgebung (Gatte, Kind, Ge- 
schwister, Eltern). Die Angst, die auftritt, wenn die schützenden Bedingungen 
wegfallen, ist meist äußerst heftig, oft mit Schwindelgefühl verbunden und 
gipfelt in der intensiven Befürchtung, sterben zu müssen. 

Klinisch rechnet man die Agoraphobie zur Erkrankungsgruppe der Angst- 
hysterie (s. d.). Bedingt ist die Agoraphobie durch die Versuchung, die 
auf der Straße oder überhaupt außerhalb des Hauses lauert. Diese Ver- 
suchung wird abgewehrt durch das Ängstsignal (s. d.), das zur Vermeidung des 
gefährlichen Ortes zwingt. Die Gefahr selbst, vor der das Ängstsignal 
warnt, ist eine infantile, und zwar regelmäßig die Kastration oder ein 
Äquivalent derselben. Helene Deutsch hat die Rolle der Begleitper- 
son näher untersucht und gefunden, daß die Begleitperson regelmäßig dem 



18 



Äkme — aktive Cechnik 



im Ödipuskomplex gehaßten Elternfeil entspricht. Die Nötigung, den Kranken 
zu begleiten, die der Begleitperson sehr unangenehm und quälend werden 
kann, ist einerseits der Ausdruck des Hasses oder der Quälsuchf des Er- 
krankten gegen den Begleiter, andererseits soll die Anwesenheit und wohl- 
wollende Fürsorge der Begleitperson helfen, den Haß gegen sie zu unter- 
drücken, wobei die Abwesenheit als Lieblosigkeit empfunden wird und den 
Haß ins Unerträgliche steigert. Der Ämbivalenzkonflikt gegenüber der Be- 
gleitperson steht zwangsneurotischen Ambivalenzkonflikten so nahe, daß die 
Agoraphobie in ihrer klinischen Stellung von der Ängsthysterie zur Zwangs- 
neurose überleitet. (H. Deuts ch, Zur Genese der Platzangst, Z. XIV, 297.) 

Äkme (acme; acme) 

heißt wörtlich Schneide- oder Höhepunkt. Der Höhepunkt der Lust im 
Sexualakt wird als Äkme bezeichnet. Die prägenitalen Triebabläufe sind durch 
das Fehlen einer Äkme gekennzeichnet. 

Akt (act, Operation; Operation psychique) 

Als psychische Akte bezeichnet man jene Leistungen des psychischen Appa- 
rates, in denen eine gerichtete Zuwendung zu Gegenständen erfolgt. Als 
psychische Akte galten früher alle bewußten seelischen Vorgänge. Unter 
Freuds Forschung nahm die Zahl der seelischen Leistungen, die als voll- 
wertige psychische Akte angesprochen werden müssen, außerordentlich zu, 
da entgegen den früheren Ansichten auch Traum, Fehlleistung und neuro- 
tisches Symptom ihnen zugerechnet werden müssen, da sie durch die Psycho- 
analyse sich als durchaus sinnvoll erwiesen haben. 

Aktion (action, reaction, activity; emergence active de l'inconscient) 
Als unbewußte Aktion bezeichnet man eine Handlung oder eine Gruppe von 
Handlungen, für die unbewußte Motive ungewöhnlich deutlich erkennbar 
sind. Solche Handlungen geschehen oft gegen jede Einsicht und ohne jede 
Rücksicht auf die realen Verhältnisse. Sekundär werden sie vom Handelnden 
nicht seifen mit anscheinend realen Motiven erklärt (s. Rationalisierung). 
Auch die Wiederholung in der Ueberfragung während der analytischen Kur 
an Stelle der von der Kur geforderten Erinnerung wird als Aktion bezeich- 
net (s. agieren). 

aktiv-passiv (active-passive; actif-passif) 

Als psychologisches Kriterium des Männlichen gilt das aktive, des Weiblichen 
das passive Triebziel. Der Gegensatz aktiv-passiv verschmilzt daher psycho- 
logisch mit dem Gegensatz männlich-weiblich. Das Kriterium aktiv oder 
passiv kann dabei nur für das Triebziel gelten, der Trieb selbst ist immer 
aktiv (s. Aktivität). 

aktive Technik (active technique; technique active) 

Ferenczi unternahm den Versuch, die Aktivität des Analytikers zu einer 

systematischen Erteilung von Geboten und Verboten zu erweitern, welche den 



I 



Aktivität — Aktualneurose 19 



Sinn haben, bislang verdrängte Antriebe als Wunschregungen voll bewußt 
werden und erleben zu lassen. Dieser Neuerung gab er den Namen „aktive 
Technik". Beispiel (Ferenczi, Bausteine zur Psychoanalyse, Bd. IL, S. 68): 
Eine Patientin wird aufgefordert, gegen ihren großen Widerstand einen 
Gassenhauer, der ihr in der Stunde einfällt, nicht nur dem Text, sondern 
auch der Melodie und schließlich den Gesten nach genau so zu reproduzieren, 
wie sie es bei ihrer älteren Schwester einst gesehen hafte, was ihr erst 
nach mehreren Änalysenstunden ganz gelingt. Da die Patientin an den Pro- 
duktionen schließlich Gefallen findet, werden sie vom Analytiker wieder 
abgestellt. Die analytische Einsichtnahme in die Symptomatik der Patientin 
wurde in diesem Falle durch diese Maßnahmen außerordentlich gefördert; 
bisher nie zur Sprache gekommene Erinnerungen tauchten daraufhin auf. 

Da die aktive Technik zahlreiche Widerstände des Ichs hervorruft, und 
das Agieren (s. d.) sehr begünstigt, wufde sie von Feren/czi selbst 
größtenteils wieder verlassen und wird nur mehr in Ansätzen angewendet. 

Aktivität (activity; acfivife) 

Aktivität wird als analytischer Terminus in zweifacher Bedeutung gebraucht. 
1.) in der Trieblehre: Aktivität bezeichnet eine Eigenschaft des Trieb- 
zieles, ihr Gegensatz ist Passivität. Wenn die Triebbefriedigung durch eine 
Tätigkeit erreicht wird, so spricht man von aktivem Triebziel, wenn durch ein 
Erleiden, von passivem Triebziel. So hat der Sadismus ein aktives Triebziel, 
der Masochismus ein passives, das Schauen ist ein aktives Triebziel, das Be- 
schautwerden ein passives. Auf der genitalen Stufe der Libidoentwicklung ver- 
schmilzt der Begriff der Aktivität mit dem der Männlichkeif, der Begriff der 
Passivität mit dem der Weiblichkeif. Vor der genitalen Phase haben die Aus- 
drücke Männlichkeit und Weiblichkeit keinen psychologischen Sinn, daher 
können auf prägenitale Triebziele nur die Ausdrücke Aktivität und Passivität 
angewendet werden. 

2.) in der analytischen Technik: Man spricht von Aktivität des Analytikers, 
wenn derselbe aus seiner zuwartenden, rein erklärenden und beobachtenden 
Haltung heraustritt, um durch persönliche, tätige — befehlende oder ver- 
bietende — Einflußnahme auf den Patienten einzuwirken. Solche Aktivität 
kann notwendig sein, teils um den Patienten vor Schaden zu bewahren, 
teils um die Produktion analytischen Materials zu fördern. Die aktiven 
Maßnahmen bestehen in der Versagung voreiliger Ersatzbefriedigungen, in 
der Nötigung des Phobikers etwa, eine angsterregende Situation aufzusuchen, 
in erzieherischen Maßnahmen bei infantilen Persönlichkeiten u. dgl. m. 
(s. a. aktive Technik). 

Aktualneurose (actual or current neurosis; nevroses actuelles) 
Als Äkfualneurosen bezeichnet die Psychoanalyse eine Reihe neurotischer 
Erkrankungen, die durch direkten körperlichen Einfluß angehäufter Sexual- 
sfoffe entstehen. Die aktuarneurotischen Symptome haben zum Unterschied 
von den psychoneurotischen Symptomen keinen psychischen (unbewußten) 



Sinn, sondern gleichen vielmehr den Sensationen in der Körpersphäre, wie 
man sie bei chronischen Vergiftungszuständen, etwa Älkoholismus, Morphi- 
nismus oder bei Äutointoxikationen, wie Basedow, findet. Sie sind als Folge 
einer Störung des Sexualstoffwechsels aufzufassen. Man unterscheidet drei 
Formen der Äktualneurosen : 

1) die Neurasthenie (s. d,), gekennzeichnet durch Kopf druck, allgemeine 
Irritation, häufige Obstipation. 

2) die Ängstneurose (s. d.), gekennzeichnet durch frei flottierende Angst 
und Erwartungsangst. 

3) die Hypochondrie (s. d.), gekennzeichnet durch schmerzhafte und andere 
Sensationen an bestimmten Organen ohne anatomischen Befund. 

Meist sind die einzelnen Formen untereinander und mit psychoneurotischen 
Symptomen kombiniert. Ursache der Äktualneurose ist regelmäßig eine 
sexuelle Schädlichkeit, wie etwa der Coitus interruptus, die frustrane Erre- 
gung, allzu häufige Masturbation, gehäufte Pollutionen, freiwillige oder er- 
zwungene Abstinenz u. s. f. Abstellung der Schädlichkeit und Regelung des 
Sexuallebens läßt die Äktualneurose verschwinden. 

aktuell (current, presenf, actual; actuel) 

Als Aktuelles oder aktuelles Material bezeichnet man in der Psychoanalyse 
jenes psychische Material, das aus dem Gegenwartserleben stammt und 
für das Seelische gegenwartslebendige Wirksamkeit besitzt. Gegensatz: in- 
fantiles Material in Form der meist verdrängten kindlichen Wünsche und 
Erlebnisse. Der Anschluß infantilen Materials an aktuelles und deren gemein- 
sames Inwirkungtreten ist für die Genese der psychopathologischen Bildun- 
gen (Fehlleistung, Traum, Symptom) typisch. Die Analyse bemüht sich, im 
aktuellen psychischen Material die darin immer wirksamen infantilen Trieb- 
kräfte aufzuspüren. 

aktlf (acute; aigu) 

Nach dem Sprachgebrauch der allgemeinen Medizin bezeichnet man als 
akute Erkrankungen im Gegensatz zu den chronischen solche, die sich durch 
größere Intensität der Symptome und durch rascheren Verlauf auszeichnen. 

Die oft geübte Einteilung der Psychosen in akute und chronische 
dient nur einer ersten Orientierung. Die akuten Psychosen zeigen schon 
im äußeren Verhalten eine intensive Veränderung der Persönlichkeit, sei 
es, daß die Patienten erregt oder verwirrt oder unruhig oder tief deprimiert 
sind, während chronische Zustän'de mehr oder minder besonnen, orientiert, 
geordnet, ruhig sind. Auch sind die als akut bezeichneten Zustände häufi- 
ger heilbar, chronische eher unheilbar. Die Zeitdauer spielt bei dieser Ge- 
genüberstellung im Gegensatz zum allgemeinen medizinischen Sprachgebrauch 
keine Rolle; auch Jahre lang dauernde Psychosen mit den obigen Merkmalen 
der akuten Psychosen behalten die Bezeichnung „akut". 

An den Neurosen kann man akute Zustände unterscheiden, in denen 



Akzent — alimentär 21 



die Produktion der Symptome eine lebhafte ist und die neurotischen Mechanis- 
men sich der Existenz des Erkrankten in höherem Maße bemächtigen. Im 
allgemeinen aber sind die Neurosen eminent chronische Erkrankungen. 

Äkzetlt (accent; accent) 

bedeutet Betonung. Psychischer Akzent bedeutet psychische Betonung = 
Energieerhöhung an einer bestimmten Stelle des Vorstellungsablaufes (s. 
Energie, psychische). Der im Unbewußten vorherrschende Primärvorgang ge- 
stattet Akzentvers chiebungen, indem die Besetzung mit psychischer 
Energie von einer Vorstellung Ä auf eine andere meist assoziativ ver- 
knüpfte Vorstellung B weitergleiten kann, so daß die Vorstellung B den 
Affektwerf oder Akzent der Vorstellung Ä erhält. 

akzidentell (accidental; accidentel) 

werden solche Erlebnisse genannt, die von außen ankommend, dadurch 
krankheitsverursachend werden, daß sie auf eine entsprechende Disposition 
einwirken. Fast immer bedarf es solcher akzidenteller Momente, um im 
Verein mit der vorhandenen, anlagemäßig gegebenen, eventuell durch früher 
vorgefallene, akzidentelle Momente verstärkten Disposition eine neurotische 
Erkrankung in Erscheinung treten zu lassen. Die akzidentellen Momente 
zerfallen in zwei Reihen: jene, welche in der frühen Kindheit auf die 
angeborene Anlage eingewirkt haben, nennen wir dispositionelle akzi- 
dentelle Momente, wie die Verführung in der Kindheit, die Belauschung, 
Beobachtung Erwachsener u. dgl. m. Sie schaffen eine Änderung, meist 
eine Verstärkung der Disposition zur neurotischen Erkrankung. Diejenigen 
Momente des späteren, vor allem erwachsenen Erlebens, die die Neurose 
endgültig zum Ausbruch bringen, nennen wir definitive akzidentelle 
Momente, wie etwa eine Liebesenttäuschunig, eine narzißtische Kränkung, 
ein Objektverlust u. dgl. m. Durch die psychoanalytische Therapie kann 
die Wirkung der akzidentellen Momente beseitigt oder abgeschwächt werden. 
Ueber das quantitative Verhältnis von akzidentellem Moment zur Disposi- 
tion s. a. Ergänzungsreihe. 

alieniert (state of feeling alienafed from reality ; etre dans un etat hypnoi'de) 
ist ein Synonym für den hypnoiden Zustand (s. d.). 

alimentär (alimentary; alimentaire) 

heißt mit der Nahrungsaufnahme in Zusammenhang stehend. Rado meint, 
daß der durch die Nahrungsaufnahme dem ganzen Organismus zukommende 
Zustand der behaglichen Sättigung den Ueberrest einer psychophysiologischen 
Grundfunktion darstellt, die er als alimentären Orgasmus bezeich- 
net. Der alimentäre Orgasmus ist beim Säugling intensiv ausgeprägt; die 
S ü ch t i g e n (Morphinisten, Alkoholiker u. s. f.) suchen nach Rado diesen 
Zustand des alimentären Orgasmus durch Einverleibung von toxischen Stimu- 



22 



Älkoholismus — Allmacht det Gedanken 



lanfien wiederzubeleben (s. Sucht). (Sändor Rado, Die psychischen Wir- 
kungen der Rauschgifte. Z. XII. 540.) 

ÄlkoholismUS (alcoholism; alcoolisme) 

Im allgemeinen bezeichnet Älkoholismus die Süchtigkeit nach Alkohol (s. 
Sucht). Die Bezeichnung Alkoholismus faßt aber auch die Symptome der 
Alkoholvergiftung zusammen. Wir unterscheiden einen akuten und einen 
chronischen Alkoholismus. Psychologisch ist die akute Form (der Alkohol- 
rausch) gekennzeichnet dadurch, daß Verdrängungen aufgehoben und Subli- 
mierungen rückgängig gemacht werden. Die euphorische Stimmung des akuten 
Rausches vergleicht Freud mit manischen Zuständen und erklärt sie durch 
toxisch erzielte Aufhebung von Verdrängungsaufwänden, die einem Abbau 
des Ober-Ichs entspricht. Der verdrängungsaufhebende Einfluß des Alkohols 
erstreckt sich auch auf die chronische Form. Daraus sind die Roheits- 
akte, das exhibitionisiische Verhalten, der häufige Einbruch der Inzest- 
schranken und das stärkere Hervortreten der Homosexualitält beim chroni- 
schen Trinker zu erklären. Besonders die Homosexualität ist bei Trinkern 
leicht beobachtbar. Sie wird teils auf die Potenzverminderung des Alkoholi- 
kers, teils auf den häufigen Umgang mit Männern in Trinkergesellschaft 
zurückgeführt. Der Eifersuchtswahn (s. d.) der Trinker bedeutet eine Abwehr 
der homosexuellen Versuchung, wobei der davon Befallene seine Frau mit 
all den Männern verdächtigt, die er selbst unbewußt liebt. Ein spezifisches 
ätiologisches Moment der Trunksucht scheint eine besonders starke Oral- 
erotik zu sein. 



Älkoholdeliriuttl (alooholic delirium; delire alcoolique) 
auch als Delirium tremens bezeichnet, entsteht nach jahrelangem Alkohol- 
mißbrauch. Es kennzeichnet sich durch Auftreten von Gesichts- und Tast- 
halluzinationen, die meist in Vielheit gesehen oder gespürt werden, viele 
Mäuse oder Insekten, die herumlaufen, zahlreiche Fäden oder Wasser- 
strahlen, die den Patienten belästigen, ü. s. f. Die Patienten sind des- 
orientiert, sie verkennen die Situation, delirieren sich in die gewöhnliche 
Beschäftigung, glauben sich am Berufsort statt im Bett. Meist klingt das 
Delirium nach einigen Tagen ab. 

Freud meint, daß das Alkoholdelirium eine ähnliche ätiologische Struktur 
zeige, wie die Ämentia (s. d.). Der unerträgliche Zustand der Außen- 
welt, der im Delirium verleugnet wird, bestehe dabei im Mangel an Alkohol. 
Zufuhr von Alkohol hebt tatsächlich die Halluzinationen dieses Zustandes 
vorübergehend auf. 

Allmacht der Gedanken (omnipotence of thought; toute-puissance de la 

pensee) 

ist ein Terminus für eine bestimmte Einstellung zur eigenen Gedankenwelt. 

Man findet diese Einstellung beim Primitiven, beim Kind, besonders im 






alloplastisch — Alptraum 23 



frühen Älter und beim Neurotiker, insbesondere beim Zwangsneurotiker. 
Der Gedanke besitzt darin die Gültigkeit und Wertigkeit eines Geschehens, 
die Vorstellung die Gültigkeit und Wertigkeit einer Tatsache, der Wunsch 
die einer Tat. Die Ursache dieser Überschätzung der psychischen Ge- 
schehnisse gegenüber der Realität liegt in der besonderen Einstellung des 
Kindes und des Primitiven zu sich selbst, welche Einstellung auch im 
Neurotiker partiell erhalfen bleibt. Das Kind hält bis zu einer gewissen 
Phase seiner Entwicklung sich selbst für den Mittelpunkt allen Geschehens 
und wird darin bestärkt durch die Bereitwilligkeit der pflegenden Umgebung 
auf Äußerung eines Verlangens mit Erfüllung zu reagieren, wie es ja in 
der Brutpflege vielfach nicht vermeidbar ist. Das Kind lebt so in einem 
ausgesprochenen Größenwahn, der der Ausdruck seiner Selbstliebe ist. 
Im Primitiven bleibt diese Einstellung weitgehend, im Neurotiker zum Teil 
erhalfen. Der starken libidinösen Besetzung des eigenen Selbst, die Narziß- 
muß (s. d.) genannt wird, entstammt die hohe Wertschätzung der eigenen 
psychischen Regungen, die darum eben für allmächtig gehalfen werden. Aus- 
druck dieser Allmacht der Gedanken ist die Technik der Magie (s. d.), 
die darin besteht, daß ein ideelles oder gedachtes Geschehen für ein tat- 
sächlich wirksames gehalten und versucht wird, die Außenwelt auf diesem 
gedachten oder bildhaft dargestellten Wege zu bewältigen. Folge der All- 
macht der Gedanken ist, daß, da der böse Gedanke und der böse Wunsch 
psychisch den Wert der Tat bekommen, die Strafe vom Gewissen her so 
verhängt wird, als ob das Ich die Tat real begangen hätte. 

alloplastisch (alloplastic; alloplastique) 

Als alloplastisch bezeichnet man nach Ferenczi solche Reaktionen, die 
durch eine Veränderung der Außenwelt die Abstellung einer von außen 
kommenden Unlusteinwirkung erreichen wollen, während die autoplasti- 
s ch e n (s. d.) Reaktionen dies durch eine Veränderung des eigenen Ichs zu 
erreichen trachten. Die alloplastischen Reaktionen treten in der Entwicklung 
später auf als die autoplastischen. 

Alptraum (nightmare; cauchemar) 

Der Alptraum ist ein besonders heftiger Ängsttraum, gekennzeichnet durch 
erstickendes Beklemmungsgefühl auf der Brust und durch das Gefühl hilf- 
losen Gelähmtseins. Die Genese ist die des Angsftraums (s. d.). Dem Alp- 
traum liegt nach Jones im wesentlichen ein heftiger seelischer Konflikt 
zugrunde, dessen Mittelpunkt eine verdrängte Komponente des psycho- 
sexuellen Trieblebens bildet. Der latente Inhalt des Alptraums besteht in 
einer Darstellung des normalen Geschlechtsverkehrs, und zwar in einer Art, 
die typisch für die Frau ist: der Druck auf der Brust, die äußerste Hingabe 
des eigenen Selbst, die durch das Lähmungsgefühl dargestellt wird, ferner 
eine eventuelle Genitalsekretion zeigen dies direkt an. (E. Jones, Der 
Alptraum, Schriften zur angewandten Seelenkunde.) 



24 



Altruismus — Ambivalenz 



Altruismus (altruism; altruisme) 

Als Altruismus bezeichnet man jene Act des Verhaltens, welche nicht durch 
die Rücksicht auf das eigene Ich wie beim Egoismus, sondern durch die 
Rücksicht auf das Wohl der anderen bestimmt ist. Der Altruismus ist 
keineswegs von Anfang an dem Individuum mitgegeben, sondern muß durch 
einen Entwicklungsvorgang aus dem ursprünglich ausschließlich egoistischen 
Verhalten des Kindes erst erreicht werden. Den wichtigsten Anteil an diesem 
Vorgang nimmt die Reaktionsbildung (s. d.), d. h. die Errichtung eines Dam- 
mes, der auf die Forderungen der Erziehung hin gegen das ursprünglich 
rein egoistische Triebverhalten aufgerichtet wird. Dieses wird dadurch unter- 
drückt gehalten, teils in das altruistische Verhalten selbst umgewandelt. Je- 
derzeit aber kann bei Nachlassen der Verdrängung durch seelische Erkrankung 
oder toxische Enthemmung der Entwicklungsvorgang rückgängig gemacht 
werden und das altruistische Verhalten wieder einem egoistischen Platz 
machen. 

Ämbisexualität (ambisexuality; ambivalence sexuelle, ambisexualite) 
Von F e r e n c z i wurde der Ausdruck Ämbisexualität an Stelle des Aus- 
drucks „bisexuelle Anlage" vorgeschlagen, weil er deutlicher kundgibt, daß 
darunter nicht männliche und weibliche Materie im Organismus, noch männ- 
liche und weibliche Libido in der Psyche zu verstehen ist, sondern die 
psychische Fähigkeit des Kindes, seine Erotik dem männlichen oder weib- 
lichen oder beiden Geschlechtern zuzuwenden. (Ferenczi, Bausteine I, 144.) 

Ambivalenz (ambivalence; ambivalence) 

Der Ausdruck Ambivalenz stammt von E. Bleuler. Er dient zur Kenn- 
zeichnung einer seelischen Einstellung, in der ein- und demselben Objekt 
gegenüber gleichzeitig zwei Gefühlsinhalte oder -strebungen vorhanden 
sind, von denen die eine das entgegengesetzte Vorzeichen der anderen 
trägt. Bereits im normalen Seelenleben kommt solche zwiespältige Einstellung 
vor. So fürchtet man eine Operation und wünscht sie doch herbei; öden 
man ersehnt die Uebernahme einer neuen Stellung oder scheut doch vor ihr 
zurück (Bleuler). Im allgemeinen aber schwächt beim normalen Erwach- 
senen das negativ Empfundene das Positive in einer Objektbeziehung relativ 
ab und umgekehrt. Nicht so beim Kinde. Das kindliche Gefühlsleben ist eben 
ausgezeichnet durch die Tatsache, daß die Richtungen entgegengesetzter, 
zärtlicher und feindseliger Gefühle gegen dieselbe Person etwa neben- 
einander bestehen bleiben, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen. Die Ambi- 
valenz des Kindes hängt dabei aufs innigste mit seinen Sexualzielen zusam- 
men. Diese haben alle in der frühen Entwicklungszeit neben der positiven 
Färbung stark feindseligen Charakter, der allerdings in der Entwicklung 
zur genitalen Organisationsstufe hin deutlich abnimmt. Das Sexualziel: Auf- 
fressen als Ausdruck der oralen Objektbeziehung meint gleichzeitig innigste 
Aufnahme des Objekts, wie Vernichtung der realen Existenz desselben. Die 
sadistischen Ziele auf der zweiten Libidostufe wollen das Objekt wohl 



Ämbipalenzkampf—Ämbivalenzkonflikt 25 




erhalten, für sich haben, ihm nahe sein, aber auch gleichzeitig ihm Schmerz 
zufügen, es beherrschen. Selbst auf der dritten Organisationsstufe, der 
phallischen, spielt in der Ödipusphase das sadistische Moment in der 
Tendenz, die Mutter zu erobern, von ihr Besitz zu ergreifen, sie zu ver- 
gewaltigen beim Knaben, so wie Haß, Angriffs- und Beschädigungslust gegen 
den Penis des Vaters beim Mädchen, eine Rolle in der sonst rein zärtlich- 
positiven Beziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil. So wird die Ambi- 
valenz nur schrittweise überwunden. Beim Primitiven und beim Neurotiker 
bleiben Resterscheinungen der Ambivalenz in erhöhtem Maße bestehen und 
äußern sich in Verhalten und Symptomen. So sind die Tabu (s. d.) der 
Wilden ein Ausdruck der Ambivalenz. Die Zwangssymptome der Neurotiker, 
besonders die zweizeitigen, in denen knapp nacheinander ein zweites Sym- 
ptom den psychischen Akt des ersten rückgängig machen muß, zeigen die 
Ambivalenz ganz offen. So das klassische Beispiel des Rattenmannes (s. d.): 
„Am Tage, als sie (die Dame, die er verehrte) abreiste, stieß er mit dem 
Fuß gegen einen auf der Straße liegenden Stein und mußte ihn nun 
auf die Seite räumen, weil ihm die Idee kam, in einigen Stunden werde ihr 
Wagen auf derselben Straße fahren und vielleicht an diesem Stein zu Schaden 
kommen, aber einige Minuten später fiel ihm ein, das sei doch ein Unsinn, 
und er mußte nun zurückgehen und den Stein wieder auf seine frühere 
Stelle mitten auf der Straße legen." (Ges. Sehr. VIII, 300.) Aber auch im 
einzeitigen Symptom ist die Ambivalenz immer nachweisbar. 

Die Ambivalenz ist, wo sie sich stärker ausprägt, immer ein archaisches 
Vermächtnis, gegründet auf persistierende, prägenitale Triebregungen, die 
bei normaler Entwicklung überwunden werden. Völlige Ambivalenzfreiheit wird 
in menschlichen Beziehungen allerdings niemals erreicht. Dies ist biologisch 
begründet, da infolge der Beimengung von Todestriebquantitäten (s. Todes- 
trieb) in jeder Objektbeziehung bewußte oder unbewußte objektfeindliche 
und objektzerstörende Tendenzen vorhanden sind. 

In den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" bezeichnet Freud als 
Ambivalenz der Triebe die Tatsache, daß die meisten Triebe in 
annähernd gleich starken Gegensatzpaaren angelegt sind, d. h. daß dem 
einzelnen Trieb mit aktivem Ziel ein gleichstarker Trieb mit passivem Ziel 
zugehört. So ist jeder Masochist auch ein Sadist; dem Trieb zu schauen, 
entspricht ein Triebziel beschaut zu werden u. s. f. E i n Teil des ambivalen- 
ten Gegensatzpaares wird im Laufe der Entwicklung meist unterdrückt, 
wobei der andere häufig an Energie gewinnt (s. Reaktionsbildung). 

Ämbivalenzkampf 

s. Ämbivalenzkonflikf. 

Ämbivalenzkonflikt (conflict of ambivalence; conflict ambivalentiel) 
Wenn die Komponenten einer ambivalenten Einstellung eine besondere 
Höhe erlangen oder aus sonst irgendeinem Grunde ins Ich vordringen, bricht 
zwischen ihren Ansprüchen von Liebe und Haß ein Konflikt aus, der als 



26 



Ämentia — Amnesie 



Ambivalenzkonflikt bezeichnet wird. Der Ausgang dieses Konflikts kann 
verschieden sein. Es wird entweder die negative Regung dem Objekt gegen- 
über unterdrückt und der positive Anteil verstärkt. Daraus resultiert °über- 
zärflichkeit gegen das Objekt und Angst um dasselbe. Dieser Ausgang ist 
mehr oder minder typisch bei Hysterie. Oder 'aber es schützt sich das 
Ich gegen die feindselige Einstellung durch eine Charakterveränderung, 
die einer Verallgemeinerung einer Reaktionsbildung (s. d.) gegen die nega- 
tive Strebung entspricht (Güte, Milde, Mitleid). Dieser Ausgang ist häufig 
bei Zwangsneurose zu beobachten. Auch die Verschiebung der Feind- 
seligkeit auf ein Surrogat des Objekts kommt vor; meist aber greift dann 
der ganze Ambivalenzkonflikt auf das Ersatzobjekt über und führt zur 
phobischen Vermeidung desselben. 

Ämentia (acute hallucinatory confusion, Meynert's amentia; amentia, con- 
fusion mentale hallucinatoire) 

Als Ämentia (akute halluzinatorische Verworrenheit) bezeichnet die Wiener 
psychiatrische Schule eine Geisfeskrankheit, gekennzeichnet durch das Auf- 
treten von massenhaften Halluzinationen auf allen Sinnesgebiefen und durch 
Verwirrtheit. Die Amentia ist nach Freud die extremste und frappanteste 
Form der Psychose. Sie beruht psychologisch auf einem weitgehenden Be- 
setzungsentzug des die Außenwelt wahrnehmenden Apparates, sowie der 
Anteile der Innenwelt, die Abbilder der Außenwelt vorstellen. Gleich- 
zeitig wird vom Ich eine neue Welt im Sinne der Wunschregungen des Es 
aufgebaut. Das psychologische Motiv des Zerfalls mit der Außenwelt ist 
eine unerträglich erscheinende Wunschversagung in der Realität. Die hallu- 
zinatorischen Delirien sind deutlich als Wunschphantasien erkennbar. 

Die Ratlosigkeit, die bei dieser Psychose als charakteristisches Symptom 
auftritt, ist nach Schilder ein Ausdruck der Abwehr gegen die Störunö 
der Erfassung der Außenwelt. (Paul Schilder: Entwurf zu einer Psy- 
chiatrie auf psychoanalytischer Grundlage.) 

Amnesie (amnesia; amnesie) 

Als Amnesie bezeichnet man eine begrenzte Erinnerungslücke. Freud fand, 
daß die Ereignisse, die zur Konstituierung eines hysterischen Symptoms führen, 
aus der Erinnerung ausgeschaltet sind; meist besteht auch für hysterische An- 
fälle selbst eine Amnesie. Diese Amnesie ist dadurch bedingt, daß die Ereignisse, 
die der Erinnerung nicht zu Gebote stehen, aus affektiven Gründen, vor allem 
deshalb, weil sie Unlust erwecken oder unerträglich sind, aus dem Gedächt- 
nis verdrängt wurden. Alle Amnesien im Zusammenhang mit neurotischen. 
Symptomen sind durch Verdrängung (s. d.) verursacht. Die amnesierten 
Inhalte sind immer sexueller oder aggressiver Natur oder stehen in innigem 
Zusammenhange mit sexuellen oder aggressiven Triebstrebungen. Es lag 
nahe, die große Erinnerungslücke der Kindheit, die infantile Amnesie 
genannt wird, und die keineswegs durch eine Minderwertigkeit der infan- 
tilen Geistesfunktion zu erklären ist, ebenfalls mit sexuellen und aggressiven 



T 



amphietotisch — Anästhesie 27 

Triebkräften in Zusammenhang zu bringen und so ihre Entstehung ähnlich 
wie bei hysterischer Amnesie mit der Verdrängung der Inhalte zu erklären. 
Und in der Tat ergibt es sich, daß große Teile der Infantillen Amnesie 
durch die Psychoanalyse behoben und mit Erinnerungen sexueller und 
aggressiver Natur ausgefüllt werden können. Ja jede spätere affektive be- 
dingte Amnesie ist gleichsam nur ein Abkömmling, eine Fortsetzung der 
infantilen Amnesie, indem der amnesierte Inhalt unmittelbar mit den Inhalten, 
für die die kindliche Amnesie besteht, in Zusammenhang tritt. 

Die Psychoanalyse macht sich die Behebung der Amnesien zur Aufgabe. 
Freud betont, daß den Namen einer korrekt durchgeführten Analyse nur 
jenes Verfahren verdient, das sich eine möglichst weitgehende Behebung der 
infantilen Amnesie zum Ziele setzt. 

aiSiphierotiscfo (amphieroüc; amphierotique) 

wurde von Ferenczi geprägt und bedeutet: mit der Fähigkeit ausgestattet, 
das gleiche oder entgegengesetzte oder beide Geschlechter gleiichzeitig mit 
Libido zu besetzen (Ferenczi: Bausteine IL 152); s. a. Bisexualität. 

amphl^eil (amphigenic; amphotrope) 

heißt, aus zweierlei entstanden. Als amphigene Inversion bezeichnet man 
jene Form der Homosexualität, der die ausschließliche Beschränkung auf 
das eigene Geschlecht fehlt, bei der also Beziehungen mit beiden Ge- 
schlechtern unterhalten werden. Bei der absoluten Inversion werden 
ausschließlich Objekte gleichen Geschlechts geliebt. 

Amphimixis (amphimixis; amphimixie) 

nennt der Biologe Weismann die Vermischung des Keimplasmas zweier 
Individuen bei der Befruchtung. Ferenczi weist darauf hin, daß im Frik- 
tions- und Ejakulationsvorgang anal-zurückhaltende und urethral-ausstoßende 
Tendenzen miteinander verknüpft und gegeneinander abgestuft sind. Es 
kommt also beim Manne eine Vereinigung urethraler und analer Erotismen im 
Akt zustande, die er Amphimixis der Partialtriebe nennt (Ferenczi: Ver- 
such einer Genitaltheorie). 

Anästhesie (anaesthesia; frigidite vaginale) 

heißt Unempfindlichkeit. Als sexuelle Anästhesie der Frau bezeichnet man in 
der Scheide lokalisierte Gefühllosigkeit beim Geschlechtsverkehr. Sie ist 
häufig bedingt durch das Festhalten an der Klitoris (s. d.) als Sitz der 
sexuellen Erregbarkeit. Psychologisch geht sie meist Hand in Hand mit 
starker zärtlicher, unbewußt erotischer Bindung an den Vater. 

Anästhesie einer Körperhälfte tritt bisweilen als hysterisches Symptom 
auf. Sie dient dann der Verdrängung erotischer Sensationen in den betref- 
fenden Körperpartien. 



28 



anagogisch — Änalchat akter 



anagoglSch (anagogic; anagogique) 

heißt hinaufführend, aufwärtsführend. Herbert Silberer stellte die Be- 
hauptung auf, daß die Träume zur Aufdeckung ihres Sinngehaltes nicht 
nur die geläufige psychoanalytische Deutung erfordern, sondern daß 
regelmäßig auch noch eine anagogische Deutung am Traum möglich und 
notwendig sei; diese decke dann ethisch gerichtete Regungen und „höhere", 
also sozial und moralisch wertvolle Zielsetzungen im Traume auf. Es ergebe 
sich so ein retrograder Aspekt in der Deutung, der auf den infantil- 
triebhaften Inhalt des Traumes abzielt, und ein anagogischer Aspekt 
der Deutung, der etwa das „Töten des alten Adam", die Liebe zum Ideal, 
die geistige Wiedergeburt, das Aufgehen im Ideal und Ähnliches als Traum- 
wunschinhalte erkennen lasse. Silberer hat diese Behauptung auch für 
die Deutung der Mythen erweitert (Herbert S i 1 b e r e r, Probleme der 
Mystik und ihrer Symbolik, 1914, Einführung in die Traumpsychologie, 1919). 
Es ist dazu zu sagen, daß anagogische Inhalte wohl bisweilen, aber keines- 
wegs regelmäßig den vorbewußten Traumgedanken angehören; niemals 
jedoch wirken sie an sich traumbildend. Dies kann nur der unbewußte 
Traumwunsch, der dem Infantilen entstammt und jeglichen anagogischen 
Charakters entbehrt. 

C. G. Jung deutete auch noch die großen infantilen Komplexe anagogisch 
um, so etwa den Ödipuskomplex, von dem er behauptet, die Mutter darin 
bedeute das Unerreichbare, auf welches man im Interesse der Kulturent- 
wicklung verzichten müsse, der Vater, der getötet wird, sei der „innerliche" 
Vater, von dem man sich freimachen müsse, um selbständig zu werden u. s. f. 
Es ist deutlich, daß die Widerstände gegen die psychoanalytischen Inhalte 
die anagogisch Deutenden zu ihren Deutungen veranlassen. 



anal (anal; anal) 

Die Bezeichnung anal hat den Sinn einer Zuordnung. Sie bringt das damit 
Bezeichnete mit der erogenen Zone des Enddarms und der Afteröffnung 
sowie deren Umgebung in Zusammenhang. Der Zusammenhang ist dabei 
entweder ein örtlicher, z. B. analer Koitus = Verkehr unter Einführung 
des Gliedes in den After, anale Bestrafung = Strafhandlung mit örtlicher 
Beziehung zum After, bezw. zur Gesäßregion (Schläge). Oder der Zusam- 
menhang ist ein genetischer, z. B. analer Charakterzug = Charakterzug 
der aus Triebquantitäten der Äfterregion hervorgegangen ist, anales Symptom 
= Symptom, das analen Triebquellen seine Entstehung verdankt (s. Anal- 
erotik). 

Änalcharakter (anal character; caractere anal) 

Der Änalcharakter ist gekennzeichnet durch die Eigenschaften: Ordnungssinn,. 
Sparsamkeit und Eigensinn. Diese Charaktereigenschaften kommen häufig 
vereint bei derselben Person vor und weisen eine innere Verwandtschaft auf. 
Sie können eventuell zu Pedanterie, Trotz und Geiz gesteigert sein. In der 



Kindergeschichte von Personen mit diesen Eigenschaften zeigt sich eine über- 
durchschnittliche erogene Betonung der Afterzone. Diese Kinder werden erst 
«spät an das Stuhlabsetzen am gehörigen Ort gewöhnt, es zeigt sich bei ihnen 
oft noch länger ein Mißglücken dieser Funktion; häufig kommt bei ihnen 
ein absichtliches Zurückhalten der Stuhlmassen zum Zwecke des Lusterwerbs 
vor. Solche Kinder weigern sich auch, den Zeitpunkt für die Entleerungs- 
funktion durch die Pflegeperson bestimmen zu lassen; sie bestehen darauf, 
die Entleerung zeitlich nach ihrem persönlichen Belieben auszuführen. Diese 
kindlichen Unarten verlieren sich später, und es taucht nach Ablauf der 
Kinderzeit die genannte Trias von Charaktereigenschaften auf. Diese Beob- 
achtung veranlaßte Freud anzunehmen, daß diese Eigenschaften durch 
Umbildung aus Triebquantitäten der analen Zone entstehen. Die Umbildung 
erfolgt dabei in Form der Sublimierung, so in der Sparsamkeit, die aus der 
Lust am Zurückhalten des Kotes entstanden gedacht wird, oder m Form 
der Reaktionsbildung, wie bei Ordnungssinn und Reinlichkeit, die als Damme 
degen eine intensive Besudelungslust auftreten. Neben dieser Trias von 
Eidenschaf ten zählen zu den analerotischen Charaktereigenschaften noch: 
das Streben nach möglichster Vollkommenheit, Empfindlichkeit gegen fremde 
Einmischung, Reizbarkeit, Sinn und Neigung für Systematik, Ausdauer und 
Gründlichkeit. Diese lassen sich unschwer aus den einzelnen Hauptzugen 
des Änalcharakters ableiten. 

Analer otik (anal erotism; erotisme anal) 

Die Psychoanalyse behauptet, daß die Afterregion - normalerweise und 
auch bei nicht perversen Individuen - der Sitz einer erogenen Empfindlich- 
keit ist und in einer bestimmten Phase der kindlichen Entwicklung ganz wie 
ein Geschlechtsorgan verwendet wird. Die Summe der Triebregungen, die von 
dieser Zone ausgehen, bezeichnet man als Analerofik. Die Analerotik hat 
eine außerordentliche Bedeutung für den Aufbau des Sexuallebens, dessen 
Vorstufe sie bildet; sie liefert ferner wichtige Energien auch für eine ganze 
Reihe anderer seelischer Tätigkeiten. — Von Kindern wird im 2. bis S.Lebens- 
jahr die erogene Reizbarkeit der Äfterzone ausgenützt durch Zurückhalten 
der Stuhlmassen, bis dieselben durch ihre Anhäufung heftige Muskelkontrak- 
tionen anregen und beim Durchgang durch den After einen starken, lustvoll 
erlebten Reiz auf die Schleimhaut ausüben. Auch direkte Reizung durch den 
Finger ist bei Kindern nicht selten. Das Phantasieleben des Kindes ist zu 
dieser Zeit mit analen Vorstellungen durchsetzt. Sie denken sich beim Ge- 
schlechtsverkehr der Erwachsenen die Gesäß- und Afterregion beteiligt, mei- 
nen, die Kinder würden aus dem After geboren, u. dgl. m. Immer sind 
stark sadistische Züge der analen Sexualität beigesellt man nennt daher 
die Entwicklungsstufe der Änalerotik auch die analsadistische (s. d.). 

Die Änalerotik wird im Laufe der Entwicklung aufgezehrt, und zwar über- 
nimmt die genitale Sexualität einen beträchtlichen Anteil davon; so wird 
die Vaginalempfindung der Frau zum Teil von der Darmschleimhaut über- 
nommen, der Penis übernimmt psychosexuelle Besetzungen von der Kot- 



30 



Analgesie— Änalzone 



saule, die auf der analen Stufe wie ein Teil des eigenen Körpers außer- 
ordentlich hoch geschätzt wird. Weitere Verwendung der Änalerotik geschieht 
durch Umsetzung in Geldinteresse, Interesse am Besitz überhaupt Ueber 
die Umsetzung in Charakterzüge s. Änalcharakter. Änalerotische Disposition 
führt häufig zu Homosexualität (s. <L). In den zwangsneurotischen Sympto- 
men spielt die Änalerotik eine große Rolle. 

Analgesie (analgesia; analgesie) 

ist die Unempfindlichkeit gegen Schmerz. Sie ist meist organisch bedingt 
Bisweilen tritt Analgesie als hysterisches Symptom auf, sie ist dann meist 
halbseitig und dient der Verdrängung erotisch erlebter Sensationen der 
betreffenden Körperpartien. 

Änalifät 

ist ein Synonym für Änalerotik (s. d.). 

analsadisfisch (anal-sadistic; sadico-anal, sadique-anal) 
In der analen Phase der Libido sind auch die sadistischen Antriebe des 
Kindes, die auf Schlagen, Zerstören, Beherrschen ausgehen, besonders aus- 
geprägt und intensiv mit sexueller Lust besetzt. Man nennt daher diese 
Periode der Entwicklung (2. bis 3. Lebensjahr) die analsadistische Phase, 
Stufe, Organisation. In allen psychischen Bildungen dieser Periode, wie in 
den Phantasien, Theorienbildungen über Sexualität und Geburt, sowie in 
Symptomen, die dieser Phase zugehören, findet man regelmäßig anale und 
sadistische Züge gemischt. Die sadistischen Züge entsprechen dabei einer 
großen Quantität von Destruktionsrrieb, die den libidinösen Vorgängen 
dieser Periode beigemengt ist. Das Verhalten zu den Objekten ist dem- 
entsprechend ambivalent (s. a. Ambivalenz). 

Analyse (analysis; analyse) 

Als Analyse wird jedes Verfahren bezeichnet, das zusammengesetzte Phäno- 
mene auf ihre Komponenten rückführt, bzw. in ihre Komponenten zerlegt. 
Das Wort Analyse wird häufig zum abgekürzten Gebrauch für Psychoanalyse 
(s. d.) in Literatur und Umgangssprache verwendet. 

Änalysand (analysand; l'analyse) 

ist derjenige, der sich einer Psychoanalyse durch einen Analytiker unterzieht. 

Analytiker (analyst; analyste) 
Abkürzung für Psychoanalytiker (s. d.). 

Änalzone (anal region; zone anale) 

Als Analzone bezeichnet man den Darmausgang, also das letzte Stück des 

Mastdarms, den After und seine unmittelbare Umgebung. Diese Partien 

bilden besonders im 2. bis 4. Lebensjahr, aber auch sonst in der ganzen 



f 



Anamnese — Anfall 31 

Kindheit und für viele perverse und neurotische Personen durchs ganze 
Leben eine Region von intensiver sexueller Erregbarkeit. Das Kleinkind 
befriedigt die Erregung dieser Zone, indem es die Stuhlmassen zurückhält, 
bis ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen des Darmes anregt und 
die durchtretenden Stuhlmassen an der Äfterschleimhaut einen intensiven, 
wohllüstig empfundenen Schmerz auslösen. Im erweiterten Sinne gehören 
auch der gesamte Darm vom Magenpförtner an und Gesäß und Damm zur 
Zone analer Sexualität, da Empfindungen anal-erogener Natur und durch 
anale Sexualität bedingte Symptome sich an allen diesen Orten äußern können. 

Anamnese (anamnesis; anamnese) 

ist die Vorgeschichte einer Krankheit, resp. die darauf bezüglichen Angaben 
des Patienten. Die Anamnese ist im gewöhnlichen ärztlichen Gebrauch ein uner- 
läßliches diagnostisches Hilfsmittel. Die anamnestischen Angaben des Patienten 
bei neurotischer Erkrankung freilich sind mit viel Vorsicht aufzunehmen. 
Sie sind absichtlich oder unabsichtlich unter dem Einflüsse der Verdrängung 
entstellt; es sind wesentliche Stücke darin ausgelassen, andere sind kompen- 
satorisch übertrieben, Beziehungen sind verschoben u. dgL m., so daß die 
in den ersten Unterredungen vom Kranken mitgeteilte Vorgeschichte einer 
Neurose im Verlaufe einer psychoanalytischen Behandlung zahlreiche Kor- 
rekturen erfährt. Eine genaue Kenntnis der Vorgeschichte aller neurotischen 
Symptome einer Person bedeutet aber freilich auch das Verständnis ihrer 
Genese und damit die Handhabe für ihre Beseitigung. Eine so genaue 
Anamnese ist aber erst das Ergebnis einer durchgeführten Analyse. Das 
therapeutische Verfahren der Psychoanalyse ist in diesem Sinne eigentlich 
eine über die ganze Dauer der Behandlung sich erstreckende Änamnesen- 
erhebung, die erst durch die Beseitigung der affektiven Widerstände bis 
in die letzten Tiefen möglich wird. 

Anfall (attack; acces, attaque) 

Als Anfall bezeichnet man das plötzliche Eintreten meist kurz dauernder, 
aber heftiger Krankheitssymptome oder Äffektzustände. Die h y s t e r i s ch e n 
Anfälle sind für die Analyse von vornehmem Interesse. Sie bestehen in 
allgemeinen motorischen Erscheinungen mit allerlei Bewegungen, Krämpfen 
größerer Muskelgruppen, auch Starrezuständen; Lachen und Weinen, Schreien 
im Anfall werden oft beobachtet. Häufig kommt es im Anfall zum arc de 
cercle (s. d.). Freud erkannte früh, daß sie eine Darstellung psychischer 
Inhalte bedeuten. Sie sind ins Motorische übersetzte, pantomimisch darge- 
stellte Phantasien. Allerdings bedarf es zu ihrem Verständnisse wie beim 
Traum einer deutenden Bearbeitung. Denn die Mechanismen der Traum- 
bildung, wie Verdichtung, mehrfache Identifizierung, Umkehrung der Zeit- 
folge u. a. sind zum Zwecke der Entstellung beim hysterischen Anfall an- 
gewendet. Oft sind auch libidinöse Handlungen durch antagonistische Ver- 
kehrungen der Innervationen zum Ausdruck gebracht (z. B. Darstellung 
einer Umarmung dadurch, daß die Arme nach rückwärts gezogen werden* 




32 



Angst 



bis sich die Hände über der Wirbelsäule begegnen). Immer bedeutet der 
hysterische Anfall den Ersatz für eine als Ausdruck der objektlibidinösen 
Strebungen vorgenommene autoerotische Befriedigung, die auch oft direkt im 
Anfall beobachtet werden kann (Schenkeldruck, Reiben der Hände am Ge- 
nitale, an den Schenkeln). Der Bewußtseinsverlust im Anfall entspricht der 
kurzen Bewußfseinseinschränkung auf der Höhe sexueller Erregung, er ist 
nur ausgedehnt, erweitert und dient der Verdrängung, da die Vorgänge 
während des Anfalls der Amnesie verfallen. Hysterische Anfälle treten auf: 
1. assoziativ bedingt, wenn im äußeren Erleben der Inhalt des Verdrängten, 
der im Anfall zum Ausdruck kommt, berührt wird; 2. organisch, wenn eine 
allgemeine Libidoerhöhung zustandekommt; 3. wenn vor einem unangenehmen, 
peinlichen Erlebnis ausgewichen wird (Flucht in die Krankheit), 4. im Dienste 
sekundärer Tendenzen, wenn durch die Produktion des Anfalls ein dem 
Kranken nützlicher Zweck erreicht wird. 

Der epileptische Anfall ist psychologisch noch nicht geklärt. Freud 
meint, daß er eine Triebentmischung darstellt, indem Libido und Destruktions- 
trieb ihre Verbindung aufgeben und freier Todestrieb (s. d.) im Anfall ab- 
geführt wird (s. Epilepsie). 

Äti^St (fear, anxiety; angoisse) 

Die Angst ist ein Affektzustanid (s. Affekt) und als solcher gekennzeichnet 
durch bestimmte Empfindungen der Lust-Unlustreihe, verbunden mit den 
ihnen entsprechenden Äbfuhrinnervationen und deren Wahrnehmung. Der 
Äffektzustand der Angst bereitet sich vor auf die Wahrnehmung einer Gefahr 
hin. Ist diese Gefahr eine reale, so nennen wir den durch sie ausgelösten 
Ängstzustand Realangst. Das drohende Herannahen einer äußeren Gefahr 
löst zunächst einen Zustand gesteigerter sensorischer Aufmerksamkeit und 
motorischer Spannung aus, der durchaus zweckmäßig ist unld Ängstbe- 
reitschaft genannt wird. Diese Angstbereitschaft endet entweder in den 
lähmenden, daher unzweckmäßigen Ängstzustand, oder sie beschränkt sich 
auf eine signalisierende Wirkung und wird durch zweckmäßige Reaktionen, 
Flucht oder Abwehr, abgelöst. Der ausgebrochene Angstzustand stellt nadi 
Meinung der Psychoanalyse die Wiederholung eines eminent traumatischen 
Erlebnisses dar, nämlich der Geburt. Es wiederholen sich darin einstmals 
zweckmäßig gewesene Reaktionen auf das traumatische Erlebnis der Geburt 
und manche der damals erlebten Empfindungen. Die Beengung der Frucht 
im Geburtskanal wiederholt sich im Beklemmungsgefühl (Angst von angu- 
stiae = Enge), die Herzbeschleunigung und Atemnot, im Geburtserlebnis 
durch den Sauerstoffmangel bedingt, treten im Ängstzustand wieder auf. Die 
starke Unlust, mit der das Ängsterlebnis verbunden ist, wiederholt die Unlust 
der großen allgemeinen Reizstörung, die dem kleinen Wesen durch den 
Geburtsakt zugefügt wird. Die Angst bedeutet somit eine Wiederholung der 
ersten großen Störung im seelischen Haushalte, wie die Geburt sie darstellte. 
Die Ängstbereitschaft, die nur Teile des Angsterlebnisses vorweg- 
nimmt, wirkt wie eine Warnung vor der zu erwartenden Gefahr; sind die